Demokratie und Kunst

Wendet man den Blick auf die aktuellen öffentlichen Debatten und das Weltgeschehen, so ist festzustellen, dass die Demokratie als Staats- und Gesellschaftsform gefährdet ist, selbst in Ländern die als stabile demokratische Gemeinschaften gelten.
Dabei ist auch eine gesellschaftliche Entwicklung zu beobachten, die in erschreckender Geschwindigkeit zunehmend die humanistischen Grundwerte wie Freiheit und Gleichheit in Frage stellt. Stattdessen wird durch populistische Themenstellungen und Polarisierungen ein Keil in die Gesellschaft getrieben.
Die Formen der Auseinandersetzungen arten zu Drohgebärden aus, die allen demokratischen Werten entgegenstehen, sollten doch der humanistische Grundgedanke des Respekts mit einer wechselseitigen Anerkennung und Kooperationsbereitschaft eigentlich im Zentrum einer demokratischen Grundordnung liegen.
Dabei möchte ich betonen, dass Demokratie von Auseinandersetzung und Dialog lebt. Es ist ein Grundbaustein des demokratischen Systems. Aber diese Diskussion muss immer auch geprägt sein von einer Kultur der Toleranz und des Respektes.
Ausgerechnet in dieser Zeit sehen wir uns als Kunstschaffende zunehmender Kritik ausgesetzt und werden, wie so oft, mit der Frage der Funktion einer Kunstszene konfrontiert.
Es werden die Budgets von Kunst und Bildung zusammengestrichen, oft aus einem Reflex heraus, weil sich die finanziellen Situationen der Kommunen zunehmend verschlechtern, ohne zu ahnen, welch weitreichende Folgen dies mit sich bringt.

Während der Coronazeit wurde der Begriff der Systemrelevanz gebildet und damit schien in manchen Köpfen die Kunst als überflüssig oder zumindest als sehr zurecht gestutzte Randerscheinung zu gelten.
Es stellt sich die Frage, inwieweit hängt die zunehmende Demokratieverdrossenheit auch mit dem Verständnis für Kunst und im weiteren Sinne mit Kultur zusammen?
Braucht eine demokratische Gesellschaft Kunst?
Für mich ist diese Frage eindeutig mit Ja zu beantworten, nicht nur als Künstler, sondern als Teil einer lebendigen bunten Gesellschaft in einer liberalen und offenen Kultur.
Gerade in der zuvor angesprochenen Coronazeit wurde deutlich, was es bedeutet, wenn kein kulturelles Leben mehr stattfinden kann. Wie wichtig eine kulturelle Gemeinschaft für eine Gesellschaft ist.
Die Bedeutung von Kunst für die Demokratie lässt sich durchaus beschreiben. Kunst geht über eine bloße Unterhaltung hinaus, Kunst ist elementarer Bestandteile einer offenen und demokratischen Gesellschaft.
Sie ist das demokratische Experimentierlabor, das Grenzen auslotet und Zustände sichtbar macht,
sie ist der geistige Sand im Getriebe, der bequem gewordene Strukturen hinterfragt und damit gegen den Stillstand und für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft arbeitet.
Sie ist ein wichtiger Motor des demokratischen Prozesses, sie schafft kritische Reflexion und fördert damit eine gesellschaftliche Auseinandersetzung.
Sie unterstützt den interkulturellen Dialog und stärkt damit unsere Zivilgesellschaft und das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft,
sie verbindet Menschen – sie macht Kultur.

Dr. Clemens Börsig, der ehemalige Vorsitzende des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft sagte:
Ohne Kunst und Kultur ist eine freie und dynamische Gesellschaft undenkbar. Deshalb hat sich die deutsche Wirtschaft dazu verpflichtet, in eine zukunftsorientierte Kultur in Deutschland zu investieren.
Nicht umsonst sind sowohl in der Bayerischen Verfassung als auch im Grundgesetz genau diese Werte gestützt.
Kunst und Wissenschaft sind von Staat und Gemeinden zu fördern.
Eine freie Kunst braucht die Demokratie, so wie die Demokratie die freie Kunst. Beide können zuverlässige Partner sein, tragende Säulen der Gesellschaft, von Ideen profitieren.
Aber dazu brauchen wir auch die Möglichkeit unsere Arbeit zu machen. Für meine Kolleg*innen des BBK ist es die bildende Kunst.
Wir brauchen eine finanzielle Grundlage, die es uns ermöglicht, unseren Anteil zum gesellschaftlichen demokratischen Prozess zu leisten und eine offene, liberale, gerechte und friedfertige Kultur wachsen zu lassen.
Das machen wir sehr oft ohne Bezahlung, ehrenamtlich oder mit Low Budget.
Der Blick in die Geschichte zeigt uns, wenn autoritäre Regime erstarken, ist nicht nur die Freiheit der Kunst gefährdet, die Freiheit eines jeden einzelnen und insbesondere die Freiheit von Minderheiten und Schwächeren in unserer Gesellschaft.
Darum gehört Kunst und kulturelle Bildung sehr oft zu den Dingen, die zuallererst Angriffen ausgesetzt sind oder vereinnahmt werden sollen, weil damit Debatten, Diskurse und Freiheit geschwächt werden.
Faschisten wollen nicht diskutieren, sie wollen herrschen: rücksichtslos, skrupellos, mörderisch.
Seien wir nicht leichtsinnig, setzen wir nicht unsere Freiheit gedankenlos aufs Spiel, nur weil sie nicht in die Bilanz passt. Bilden wir ein Bündnis mit verlässlichen Partnern, die auf unsere demokratischen Werte achten.
Seien Sie dabei, wir laden sie ein, kommen Sie zu den Ausstellungen, führen Sie mit uns Gespräche. Wir freuen uns.

Leonore Weiss, Rede zum Neujahrsempfang von „Ingolstadt ist Bunt“ am 25.01.2026