Warum sind analoge Kreativräume für junge Menschen für eine Demokratie wichtig?


Was haben eigentlich Orte wie die Kunst und Kultur Bastei mit Demokratie zu tun? Ziemlich viel. Vielleicht sogar mehr, als man auf den ersten Blick denkt. Demokratie lebt davon, dass Menschen ihre Meinung sagen, Gefühle zeigen, Kritik äußern und Ideen einbringen. Und wo lernen junge Menschen das besser als in kreativen Räumen? In Musik, Kunst, Theater oder gemeinsamen Projekten entdecken sie ihre Stimme – manchmal laut, manchmal leise, aber immer wichtig.
Sie lernen: Meine Meinung zählt. Ich darf mich ausdrücken. Ich darf sichtbar sein.
Wenn Kinder und Jugendliche erleben, dass ihre Ideen ernst genommen werden, passiert etwas Entscheidendes: Sie spüren Selbstwirksamkeit. Dieses wunderbare Gefühl von: „Ich kann etwas bewegen.“
Und wer das früh lernt, beteiligt sich später auch eher an Gesellschaft und Politik – weil man weiß: Mitmachen lohnt sich! Kreative Räume sind außerdem Trainingsplätze für Demokratie im echten Leben. Hier wird diskutiert, zugehört, gestritten, gelacht, Kompromisse werden geschlossen und Regeln gemeinsam ausgehandelt. Kurz gesagt: Hier wird Demokratie nicht erklärt – hier wird sie gelebt.

Und noch etwas Wichtiges: Diese Angebote sind oft niedrigschwellig. Sie sind für alle da – unabhängig von Geldbeutel, Herkunft oder Sprache. Sie geben auch denen eine Stimme, die sonst vielleicht nicht so leicht gehört werden. Das ist keine nette Zugabe, das ist demokratische Grundausstattung.

Gleichzeitig fördern diese Orte Empathie und Perspektivwechsel. Man begegnet Menschen mit anderen Hintergründen, anderen Meinungen, anderen Lebensrealitäten und schließt Freundschaften. Das hilft, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern auch an das große Ganze.

Wenn solche Räume wegfallen, hat das Folgen, weniger Beteiligung, weniger Selbstvertrauen, mehr soziale Ungleichheit, weniger Orte, an denen man demokratisches Miteinander übt.
Und leider auch mehr Frust, Rückzug, Einsamkeit, Politikverdrossenheit und Anfälligkeit für einfache, antidemokratische Antworten.
Ohne analoge Angebote, von denen es eigentlich viel mehr und nicht weniger geben müsste, verbringen junge Menschen noch mehr Zeit in digitalen Echokammern wie TikTok.
Das erhöht das Risiko, einseitige Weltbilder, Desinformation und extremistische Inhalte unreflektiert zu übernehmen.
Analoge Begegnungsorte sind deshalb nicht nur Freizeitangebote – sie sind ein wichtiges Gegengewicht zu digitalen Radikalisierungsräumen und ein zentraler Ort für Austausch, Einordnung und
demokratische Orientierung.
Wer gelernt hat, Inhalte zu hinterfragen, Quellen zu prüfen, Emotionen von Fakten zu unterscheiden und zu erkennen, wenn manipuliert wird, ist deutlich weniger anfällig für Radikalisierung.
Kreative und kulturelle Räume leisten hier einen wichtigen Beitrag: Sie stärken die Fähigkeit, Dinge zu reflektieren, andere Perspektiven einzunehmen und Widersprüche auszuhalten.

Das sind genau die Kompetenzen, die man braucht, um nicht auf einfache, hasserfüllte oder antidemokratische Antworten hereinzufallen.

Und wir müssen in diesem Zusammenhang auch über Macht und Generationengerechtigkeit sprechen. Wir leben in einem Land, in dem der Anteil, der unter 18-Jährigen bei etwa 16-17 Prozent liegt. Kinder und Jugendliche haben in unserer Gesellschaft kaum eine strukturelle Lobby. Sie dürfen nicht wählen, sie entscheiden keine Haushalte, sie sitzen in kaum einem Gremium, in dem über Prioritäten bestimmt wird. Gleichzeitig werden heute politische und finanzielle Entscheidungen getroffen, deren Folgen viele der heute Entscheidenden selbst gar nicht mehr erleben werden.
Ob bei Bildung, Klima, sozialer Infrastruktur oder kulturellen Angeboten: Es sind die Kinder und Jugendlichen, die mit den Konsequenzen leben müssen.
Trotzdem werden ihre Perspektiven in Entscheidungsprozessen häufig nicht ausreichend miteinbezogen oder wahrgenommen. Das ist kein Randproblem, das ist ein demokratisches Ungleichgewicht.
In Zeiten, in denen komplexe und kreative Lösungen dringend gebraucht werden, wären wir gut
beraten, die Ideen und Lösungsansätze junger Menschen ernst zu nehmen – denn sie sind die Zukunft unserer Stadt und wer die Zukunft ausbaden muss, sollte auch bei ihrer Gestaltung mitreden dürfen.
Analoge Räume, in denen junge Menschen echte Mitbestimmung, Selbstwirksamkeit und Gehör erfahren, sind nicht nur pädagogisch wertvoll, sie sind demokratiepolitisch notwendig.
Sie sind einer der wenigen Orte, an denen Teilhabe nicht auf später verschoben wird, sondern im Hier und Jetzt stattfindet. Und genau das stärkt nicht nur junge Menschen, sondern die Demokratie
insgesamt.
Wenn wir an kreativen Räumen sparen, sparen wir an Demokratie. Kulturelle Bildung ist kein Sahnehäubchen, sie ist das Fundament.
Sie fördert junge Menschen, die empathisch, kritisch, mutig und engagiert sind, junge Menschen, die Demokratie nicht nur aus dem Schulbuch kennen, sondern sie im Alltag leben.
Und ganz ehrlich: Eine Demokratie, die auf kreative, selbstbewusste, mitdenkenden junge Menschen setzt, ist nicht nur stabiler, sie ist auch einfach viel spannender!

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